Verzicht predigen, Limousinen fahren

November 10th, 2011 § 0 comments § permalink

Die Deutsche Umwelthilfe e.V. hat mal wieder einen Dienstwagen-Check durchgeführt, dieses Mal bei den deutschen Bischöfen. 49 kirchliche Würdenträger wurden befragt, 8 verweigerten die Aussage, und das Ergebnis ist “enttäuschend”, wie DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch sagte. “Viele Bischöfe predigen ihren Kirchengemeinden richtigerweise die Notwendigkeit des Klimaschutzes – haben aber selbst Benzin im Blut.”

Zum Beispiel Landesbischöfin Ilse Junkermann. Nach Ende ihres Leasingvertrags stieg sie auf einen 245 PS starken BMW 730 d mit einem höheren CO2-Ausstoß als ihr voriges Fahrzeug um. Am Ende der Sünderliste finden sich auch Bischof Joachim Kardinal Meisner (BMW 730 d; 192 g CO2/km) und Kardinal Karl Lehmann (Mercedes R350 CDI; 223 g CO2/km) wieder. Die vollständige Tabelle gibt’s hier.

Die Mails des Ministers

November 1st, 2011 § 0 comments § permalink

Ich habe kürzlich Muhammad Faruk Khan interviewt, den Handelsminister Bangladeschs. Khan war für ein paar Tage in Deutschland, wir sprachen über verschiedene Themen und tauschten vor dem Gespräch unsere Visitenkarten aus. Interessanterweise scheint der Minister keine offizielle Mail-Adresse zu haben. Auf seiner Minister-Karte ist eine private Yahoo-Adresse angegeben. Und wie ich später erfuhr, erhielt eine Kollegin von ihm eine Karte, auf der wiederum eine andere, private Mail-Adresse steht.

Würde ja nun gerne wissen, welche Version er wem und warum aushändigt. Vielleicht schicke ich ihm die Frage einfach mal per Mail.

Spiegel socialis

Oktober 17th, 2011 § 0 comments § permalink

“Bevor die Welt gerettet werden kann, müssen die Anwesenden klären, ob ihr Vorstand wirklich ‘Vorstand’ heißen darf.” Dieser erste Satz, mit dem die “Ortstermin”-Reportage im aktuellen “Spiegel” (nicht online) beginnt, ist hübsch – zugleich aber ahnt man, was danach folgen wird. Nämlich ein mit subtiler Häme gespicktes Stück, das den Entwicklern der Gemeinwohl-Ökonomie, die der Autor Guido Mingels in Wien besuchte, von vornherein keine Chance gibt. Weil sie den Kapitalismus abschaffen und durch ihre Utopie ersetzen wollen und weil sie daran glauben, dass der Mensch “Homo socialis, nicht Homo oeconomicus” ist.

Die Häme aber bleibt aus. Und im letzten Absatz, darf Mingels sogar eine kleine Empfehlung abgeben. Er endet mit den Sätzen: “Man möchte den Sinnsuchern unbedingt empfehlen, ihre Terminologie von allem esoterischen Klimbim zu befreien. Denn eine nüchternere Version ihrer Utopie wird in diesen Zeit durchaus Gehör finden. Man darf lächeln über diese Andersdenkenden, man darf über ihre Ideen staunen. Man kann sich derzeit aber auch wundern über die Hilflosigkeit, mit der das Profitdenken verteidigt wird. Mehr Sehnsucht nach einem Ausweg war nie.”

Mit so viel unzynischer Sympathie hatte ich im “Spiegel” nicht mehr gerechnet.

Zu groß, um auszusteigen

September 18th, 2011 § 0 comments § permalink

Für unsere aktuelle Ausgabe haben wir Sabine Miltner interviewt. Miltner leitet seit 1. Juni die Abteilung Group Sustainability der Deutschen Bank, sie soll dafür sorgen, dass bei der Kreditvergabe und bei Investitionsentscheidungen zunehmend mehr nachhaltige Kriterien berücksichtigt werden. Bei der Frage, ob die Deutsche Bank als Folge der Katastrophe von Fukushima plant, aus der Atomkraft auszusteigen – die Bank zählt zu den weltweit wichtigsten Finanziers der Atombranche -, verwies Miltner allerdings u.a. darauf, dass die Deutsche Bank aufgrund ihrer weltweiten Verflechtungen nicht so einfach aus der Atomkraft austeigen könne.

Nur weil die deutsche Bevölkerung den Atomausstieg befürworte und die Bundesregierung ihn beschlossen habe, könne man nicht erwarten, dass die Deutsche Bank diese Entwicklung zum weltweiten Geschäftsprinzip mache. Anders als Deutschland würden die allermeisten Nationen die Atomkraft weiterhin befürworten, das müsse man berücksichtigen. Man wolle die Kunden auf dem Weg zu regenerativen Energien begleiten, das ja, aber eine radikale Kehrtwende sei unverantwortlich. Gegenüber den Unternehmen, die man finanziere und deren Mitarbeitern, die sonst betroffen wären. Details nannte Sabine Miltner freilich nicht – über angebliche oder tatsächliche Geschäftsbeziehungen gibt die Bank keine Auskunft.

Und vielleicht ist das wahr. Vielleicht ist die Deutsche Bank tatsächlich zu groß und weltweit zu tief und mit zu vielen Unternehmen verbunden, um sagen zu können: Wir Deutsche sind gegen Atomkraft, und deswegen wollen wir keine Geschäfte mehr mit Atomfirmen machen. Wenn Du, liebes Energieunternehmen, also AKWs betreibst, geben wir Dir keinen Kredit mehr.

Andererseits: Ein anderer Konzern macht gerade vor, dass das geht. Peter Löscher verkündet im “Spiegel”, sich vollkommen aus der Kernkraft zurückzuziehen. Und er begründet den Politkwechsel mit dem deutschen Sinneswandel. Wörtlich sagt er:

Löscher: …In die Gesamtverantwortung des Baus von Kernkraftwerken oder deren Finanzierung werden wir nicht mehr einsteigen. Das Kapitel ist für uns abgeschlossen.

Spiegel: Als Konseqenz aus Fukushima?

Löscher: Auch als Antwort auf die klare Positionierung von Gesellschaft und Politik in Deutschland zum Ausstieg aus der Kernenergie.

Ein bemerkenswerter Schritt. Peter Löscher ist Vorstandsvorsitzender von Siemens. Der deutsche Industriekonzern war einst führend in der Atomtechnik und pflegt Geschäftsbeziehungen in 190 Ländern.

Ps.: Laut dieser Umfrage stehen die Deutschen längst nicht alleine da mit ihrem Wunsch, die Atomkraft abzuschalten.

Ökonomie des Spendens

September 15th, 2011 § Kommentare deaktiviert § permalink

Natürlich kann man die Geschichte von Rachel Beckwith so einordnen, wie NYT-Kolumnist Nicholas D. Kristof es macht. Nämlich als Lehrstück eines Mädchens, das uns Erwachsenen zeigt, dass es sehr wohl einen Unterschied machen kann, wenn man ein paar Dollar für einen guten Zweck gibt. “May our generation learn from yours”, schließt er seinen Blogeintrag, weil es der 9-jährigen Amerikanerin mit ihrem Aufruf gelang, bis heute mehr als 1,2 Millionen Dollar für Wasserprojekte zu sammeln. Das ist bemerkenswert, denn angepeilt hatte sie ursprünglich nur 300 Dollar. Statt sich Geschenke zu wünschen zu ihrem Geburtstag am 12. Juli, bat sie Freunde und Verwandte um eine Spende.

Allerdings: Die 300 Dollar verfehlte sie zunächst. Bis zu ihrem Geburtstag waren auf dem Konto bloß 220 Dollar eingegangen. Dass die Summe danach in die Höhe schoss, hat einen tragischen Grund: Rachel starb kurz nach ihrem Geburtstag bei einem Autounfall. Die Öffentlichkeit erfuhr von dem Schicksal – und fing an, Geld zu überweisen. Wie viel es letztlich wird, steht noch nicht fest. Die Aktion endet in 15 Tagen.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt zu der Geschichte. Denn ebenso wie Erwachsene sich Rachels Engagement zum Vorbild nehmen könnten oder sollten, lernen Kinder von dem Verhalten der Erwachsenen. Zugespitzt erlebt hat das Linda Polman. Die Journalistin reist seit mehr als 20 Jahren durch Krisen- und Kriegsregionen und war auch während des Bürgerkriegs in Sierra Leone, als Rebellen Menschen und auch vielfach Kindern die Gliedmaßen abhackten. Die Fotografen und Kamerateams stürzten sich auf sie, einige Journalisten boten ihnen Geld, um groß über sie berichten zu können. Diese Methoden hatten Folgen: Die amputierten Kinder lernten, “im Sinne der Medien ein besseres Opfer zu sein als andere”, wie Polman in einem Interview sagte. Sie passten sich den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten an und erfanden Horrorgeschichten über ihr eigenes Leid – um mehr Aufmerksamkeit, mehr Essen, mehr Geld, mehr Kleidung zu bekommen. Andere Opfer, die keine mitreißende Story erzählten, wurden ignoriert.

Rachel Beckwith hatte nicht versucht, ihren Spendenaufruf aufzuhübschen oder auszuschmücken. Sie konnten nicht mal mehr Einfluss darauf nehmen, dass jetzt so viel Geld zusammenkommt. Wenn man aber dazu aufruft, von dem Beispiel eines Kindes zu lernen, sollten wir auch überlegen, was Kinder von uns übernehmen.