Öffentlich-rechtliches Leitungswasser

April 7th, 2012 § 0 comments § permalink

Ich war vor ein paar Tagen in der “Redaktionskonferenz” von Deutschlandradio Wissen zu Gast. Es ging um enorm, unsere Arbeit und nachhaltiges Wirtschaften, und es wurden 5 Songs gespielt, die ich mir vorab wünschen durfte (im Stream der Sendung wurden sie leider rausgeschnitten). Ob die gemütliche Atmosphäre, die Moderator Ingo Rockenberg laut Vorgespräch erzeugen wollte, rüberkam, kann ich nicht sagen – allerdings fiel mir erst hinterher auf, dass wir uns von den 90 Minuten Sendezeit geschätzte 50 Minuten lang unterhielten, zumindest kein schlechtes Zeichen.

Bemerkenswert war das professionelle Desinteresse seitens des NDR. Um zu der in Köln produzierten Sendung dazugeschaltet zu werden, musste ich mich in ein Studio hier in Hamburg setzen – das zu finden, war aber nicht so leicht. Der erste Pförtner hatte keine Ahnung, der zweite schickte mich zu Haus 18, im 1. Stock waren aber sämtliche Türen verschlossen. Es war bereits halb sechs, Feierabend also. Ein Techniker, den ich nach zehn Minuten im 2. Stock fand, führte mich schließlich zu Studio E5 und erklärte mir, dass ich den Kopfhörer aufsetzen muss. Meine Frage nach einem Glas Wasser irritierte ihn zwar, in der Teeküche aber wurde er fündig. Und dann ging er wieder mit dem Hinweis, dass ich hier jetzt alleine sitzen würde. Und dass ich mich, wenn ich noch mehr Durst bekäme, aus dem Wasserhahn bedienen könne.

Nach der Sendung legte ich den Kopfhörer zurück, packte meine Sachen ein und zog die Tür hinter mir zu.

Klimawandel unter George W. Bush

März 2nd, 2012 § 0 comments § permalink

Während des US-Präsidentschaftswahlkampfs sagte einer der Kandidaten im Jahr 2000 folgendes:

“As we promote electricity and renewable energy, we will work to make our air cleaner. With the help of Congress, environmental groups and industry, we will require all power plants to meet clean air standards in order to reduce emissions of sulfur dioxide, nitrogen oxide, mercury and carbon dioxide within a reasonable period of time. And we will provide market-based incentives, such as emissions trading, to help industry achieve the required reductions.”

Wer hat’s gesagt? Nicht Al Gore, der 2007 zusammen mit dem IPCC den Friedensnobelpreis bekam. George W. Bush war’s, ein paar Wochen, bevor er erstmals zum US-Präsidenten gewählt wurde. Anfangs hatte er noch die Absicht, den Klimawandel und die Erwärmung der Erde aufzuhalten; als Leiterin der Environmental Protection Agency (EPA) berief er zum Beispiel die Grüne Christine Todd Whitman. Dann aber griffen die sogenannten “Climate Skeptics” ein, die mächtige, von Öl-Konzernen geschmierte Lobby, zu der auch Vize-Präsident Dick Cheney zählte, und arbeiteten (und arbeiten immer noch) daran, dass die USA ihren klimaschädlichen Kurs fortsetzen. Bush ließ sich, aus geänderter Überzeugung, Ignoranz oder schlichter Dummheit, von seinen Plänen abbringen. In seiner Zeit kühlte sich das Klima für Wissenschaftler, die seriös arbeiten und vor den Gefahren warnten, merklich ab, wie Michael E. Mann in seinem Buch “The Hockey Stick and the Cimate Wars” sehr anschaulich beschreibt.

Small Talk mit Folgen

Dezember 8th, 2011 § 0 comments § permalink

Natürlich war das Medienecho nach dem Guttenberg-Interview in der “Zeit” nicht überraschend. Wenn sich der gefallene Sonnenkönig zum ersten Mal nach seinem Rücktritt zu Wort meldet, hören alle hin und reden anschließend darüber. Zumal er dem Volk ja noch ein glaubwürdiges Geständnis schuldete.

Erstaunlich ist aber, wie einseitig die Kritik ausfiel. Die “Zeit” und Interviewer Giovanni di Lorenzo hätten sich zum Steigbügelhalter Guttenbergs gemacht, hätten ihm durch gefällige Fragen und einen Plauderton während des dreitätigen Treffens in London wieder in den politischen Sattel gehoben. So klang es bei Journalistenkollegen, Politikern und Lesern der “Zeit”, die direkt nach dem Erscheinen des Interviews ihr Abonnement kündigten.

Abgesehen davon, dass vermutlich jede andere Redaktion auch auf den Deal des gemeinsamen Buchs und des exklusiven Vorabdrucks eingegangen wäre: Herrscht seit dem Interview nicht Einigkeit darüber, dass Karl-Theodor zu Guttenberg viel zu früh in die Öffentlichkeit zurückgekehrt ist? Dass er auch nach einem Dreivierteljahr Bedenkzeit glaubt, lediglich Fehler gemacht aber keinen Betrug begangen zu haben? Und dass er also immer noch – oder jetzt erst recht – nicht tragbar ist für ein politisches Amt?

Diese Erkenntnis ist bei der ganzen Aufregung über den vermeintlich harmlosen Small Talk völlig aus dem Fokus geraten.

Gespaltene Zungen

November 24th, 2011 § 0 comments § permalink

Freitag fand in Brüssel die Konferenz “Promoting Social Entrepreneurship in Europe” statt. Es war die erste ihrer Art auf dieser Ebene, die EU-Kommission hatte geladen, zahlreiche namhafte Gäste sprachen. Unter ihnen, natürlich, Muhammad Yunus, aber auch Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier (der maßgebliche Initiator der Konferenz), der grüne EP-Abgeordnete Sven Giegold, José Manuel Barroso (der trotz der anhaltenden Krisengespräche und -gipfel kam) und Nick Hurd, der britische Minister for Civil Society.

England hat schon einiges vorzuweisen wenn es um soziales Unternehmertum geht, Hurd selbst sprach von 800 000 Menschen, die bereits in diesem Sektor arbeiten. Er zählte verschiedene positive Beispiele auf, ging auf die kürzlich gegründete Bank Big Society Capital ein, die 600 Mio. Pfund für soziale Unternehmen bereitstellen will und erklärte, dass sein Land bei diesen Fragen die führende Rolle in Europa übernehmen wolle.

Was man beim Zuhören im zweiten Stock des Brüsseler Charlemagne Buildings nicht mitbekam: dass Hurds Worte fast zeitgleich wieder entwertet wurden. Von seinem eigenen Chef, der am selben Tag in Berlin saß, bei Angela Merkel. Dort nämlich machte Premierminister David Cameron deutlich, dass er – anders als Merkel – die Finanztransaktionssteuer ablehnt (bzw. sie global einführen will, was übersetzt ja so viel bedeutet wie: nur über meine Leiche). Ihm ist seine “City” wichtiger, der Finanzplatz London soll möglichst ungestört weitermachen wie bisher.

Nun, Nick Hurd wird seine Pläne, die er in der Rede skizzierte, ungeachtet dessen weiter verfolgen können. Das ist gut. Nur: Wenn man sich als Regierung nicht an eine Wurzel des wirtschaftlichen Übels der letzten Jahre herantraut, seine – auch daraus entstehenden – sozialen Probleme vernachlässigt, sie den Sozialunternehmern zuschiebt und sich letztendlich damit brüstet, wie fortschrittlich man auf diesem dritten Sektor arbeitet, ist das verlogen. Und diese verkürzte Sicht führt nicht dazu, die Probleme tatsächlich zu lösen.

Sozialunternehmer haben das Ziel, gesellschaftliche Probleme mit unternehmerischen Mitteln zu lösen. Darin liegt eine Chance und deshalb verdienen sie die finanzielle und strukturelle Unterstützung, die jetzt in Deutschland, Großbritannien und von EU-Ebene angekündigt wurde. Die Branche ist jung, klein und teilweise noch ziemlich überfordert. Das vehemente Ablehnen der Finanztransaktionssteuer ist aber keine Ermutigung für sie. Es deutet eher darauf hin, dass ihre Ideen vereinnahmt werden sollen. Ernst meint es die Regierung nicht.

Warum der Mindestlohn gut für die Reichen ist

November 11th, 2011 § 0 comments § permalink

Die CDU wird sich Anfang der Woche auf ihrem Parteitag in Leipzig mit einem Konstrukt beschäftigen, das sich laut CDU-Logik nicht “gesetzlicher Mindestlohn” nennen darf, aber irgendwie doch genau so funktionieren soll. Der Widerstand innerhalb der Partei ist groß, der Koalitionspartner FDP, der gerne von “mitfühlendem Liberalismus” oder “sozialer Sensibilität” redet, ist entschieden gegen die Idee, arbeitenden Menschen einen halbwegs anständigen Lohn zu garantieren.

Wenn es darum geht, die Vorzüge und Nachteile eines Mindestlohns darzustellen, werden häufig einzelne Angestellte oder Firmeninhaber porträtiert oder Studien zitiert, denen zufolge Jobs dann gestärkt oder aber vernichtet werden würden. Was davon stimmt, will ich hier nicht weiter vertiefen. Ich glaube aber, dass es bei der Betrachtung der Problematik lohnt, den Fokus weiter aufzumachen und sich anzusehen, welche Auswirkungen soziale Ungleichheit grundsätzlich auf eine Gesellschaft hat. Die britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett haben das in ihrem Buch “Gleichheit ist Glück” (der deutsche Titel ist eher unglücklich und führt nicht auf den richtigen Weg) sehr überzeugend dargelegt.

Ich bin erst vor kurzem durch einen Tweet auf das Werk gestoßen; SZ-Redakteur @alex_ruehle hatte die Webseite der Stiftung Equality Trust verlinkt, deren Initiatoren besagte Autoren sind. Das Buch ist bereits vor zwei Jahren erschienen, die Ergebnisse aber werden noch lange relevant sein. Wilkinson/Pickett, die laut eigener Aussage zusammen auf mehr als 50 Forscherjahre kommen, haben eine Vielzahl von internationalen Studien ausgewertet und geprüft, und ihre Kernaussage lautet: Es gibt keinen Zweifel daran, dass es vor allem die wachsende soziale Ungleichheit innerhalb eines Landes ist, die zu mehr gesellschaftlichen Problemen führt – zu mehr Ängsten, Stress, Depressionen, Gewalt, und also zu steigenden volkswirtschaftlichen Kosten, weil mehr Ärzte, Psychiater, Krankenhäuser, Gefängnisse etc nötig sind.

“Es steht außer Frage, dass mehr Gleichheit und Wohlergehen in der gesamten Bevölkerung der entscheidende Faktor für das Leistungsniveau einer Nation und ihre Errungenschaften in vielen Bereichen sind.”

Wilkinson und Pickett unterscheiden gleich zu Beginn zwischen reichen und armen Ländern und betrachten in der Folge nur reiche Nationen. Die Ausgangslage: In Japan und den skandinavischen Ländern besitzen die reichsten 20 Prozent knapp vier Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung. Das ist vorbildlich. Am unteren Ende der Skala stehen England, Portugal, die USA und Singapur. In diesen Gesellschaften verdienen die reichsten 20 Prozent zwischen 7 und 10 Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent; Deutschland liegt im Mittelfeld.

Insgesamt gesehen haben diese Gesellschaften einen noch nie zuvor erreichten Wohlstand erzielt. Trotzdem nehmen Ängste, Unsicherheiten, Drogenkonsum und Depressionen in der Bevölkerung zu. Das ist psychologisch begründet. Die wachsende Einkommensschere führt dazu, dass Menschen, deren sozialer Status im Vergleich zum Nachbarn, Bekannten oder Kollegen sinkt, ihr Selbstvertrauen verlieren. Wie wir von anderen gesehen und beurteilt werden, entscheidet maßgeblich darüber, wie wir uns selbst wahrnehmen. Ergo: Wer nicht mithalten kann beim Auto-, Klamotten-, Urlaubs-, Job oder Wohnungs-Wettrüsten, der schämt sich, erleidet Schmerzen, steht vermehrt unter Stress und reagiert aggressiv.

Und wo soziale Unterschiede entstanden sind, manifestieren sie sich. Denn je größer die Kluft zwischen den Armen und Reichen ist, desto größer ist das gegenseitige Misstrauen, “die Korrelation ist eindeutig”, so die Autoren. In den USA zum Beispiel, wo das soziale Gefälle sehr groß ist, gibt es auch große Unterschiede bei der Frage, ob die Bürger einander vertrauen. Während etwa in North Dakota das Vertrauen recht groß ist, glauben in Mississippi nur 17 Prozent der Einwohner daran, dem Nachbarn, Kollegen etc vertrauen zu können. Wilkinson/Pickett fragen:

“Was mag es im Alltag bedeuten, in einem Land zu leben, in dem 90 Prozent der Menschen dem anderen nicht über den Weg trauen? Wie geht man in dieser Gesellschaft miteinander um – bei der Arbeit, auf der Straße, beim Einkaufen, in der Schule? … Vertrauen ist nicht nur wichtig für das Wohlergehen des Einzelnen, Vertrauen ist ebenso ein entscheidender Faktor für das Funktionieren der Zivilgesellschaft. Ein hohes Vertrauensniveau bedeutet, dass sich die Menschen sicher fühlen, sich weniger Sorgen um sich selbst machen und lieber einen kooperativen als einen konkurrierenden Umgang mit ihren Mitmenschen pflegen.”

Die weiteren Beispiele, die die Autoren aufführen, sind erdrückend, in jeder Hinsicht. Gesellschaften mit geringeren sozialen Unterschieden verbrauchen weniger CO2, spenden mehr Geld für arme Menschen, haben eine höhere Lebenserwartung, eine geringere Säuglingssterblichkeit, leiden weniger unter Fettleibigkeit, schneiden besser in der Schule ab, weisen eine geringere Geburtenrate unter Teenagern auf, begehen weniger Morde.

Müssen deswegen nun alle Menschen gleich sein? Sollte man den Sozialismus einführen, allen dasselbe Gehalt zahlen? Die Autoren sind zurückhaltend mit Empfehlungen. Sie weisen darauf hin, dass es verschiedene Wege gibt, soziale Ungleichheiten zu bekämpfen und jede Gesellschaft ihren eigenen finden muss. Von Revolutionen raten sie ab:

“Was wir brauchen, ist ein kontinuierlicher Fluss kleiner Veränderungen in einer konsistenten Richtung. Wir müssen also das Ziel im Auge behalten, damit nachhaltiger Wandel beginnen kann und langfristig Erfolg hat. Und unser Ziel ist: Die Gesellschaft sozialer machen. Revolutionäre Umwälzungen müssen wir vermeiden, die bringen nur Unsicherheit, verbreiten Angst und Schrecken und haben in der Geschichte allzu häufig zu katastrophalen Rückschlägen geführt. Unser Ziel muss es sein, den Mitmenschen mehr Sicherheit zu geben, ihnen die Ängste zu  nehmen, sie zu überzeugen, dass eine Gesellschaft mitmehr Gleichheit nicht nur Platz für sie hat, sondern ihnen auch ein erfülltes Leben ermöglicht…”

Der in der CDU umstrittene – und von der Mehrheit der Deutschen befürwortete – Mindestlohn könnte ein Baustein in diesem Prozess sein. Er könnte Menschen, deren Lohn kaum zum Leben reicht, ein Stück Sicherheit und Vertrauen zurückgeben – und davon würden nicht nur sie profitieren. Sondern alle.