Warum der Mindestlohn gut für die Reichen ist

November 11th, 2011 § 0 comments

Die CDU wird sich Anfang der Woche auf ihrem Parteitag in Leipzig mit einem Konstrukt beschäftigen, das sich laut CDU-Logik nicht “gesetzlicher Mindestlohn” nennen darf, aber irgendwie doch genau so funktionieren soll. Der Widerstand innerhalb der Partei ist groß, der Koalitionspartner FDP, der gerne von “mitfühlendem Liberalismus” oder “sozialer Sensibilität” redet, ist entschieden gegen die Idee, arbeitenden Menschen einen halbwegs anständigen Lohn zu garantieren.

Wenn es darum geht, die Vorzüge und Nachteile eines Mindestlohns darzustellen, werden häufig einzelne Angestellte oder Firmeninhaber porträtiert oder Studien zitiert, denen zufolge Jobs dann gestärkt oder aber vernichtet werden würden. Was davon stimmt, will ich hier nicht weiter vertiefen. Ich glaube aber, dass es bei der Betrachtung der Problematik lohnt, den Fokus weiter aufzumachen und sich anzusehen, welche Auswirkungen soziale Ungleichheit grundsätzlich auf eine Gesellschaft hat. Die britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett haben das in ihrem Buch “Gleichheit ist Glück” (der deutsche Titel ist eher unglücklich und führt nicht auf den richtigen Weg) sehr überzeugend dargelegt.

Ich bin erst vor kurzem durch einen Tweet auf das Werk gestoßen; SZ-Redakteur @alex_ruehle hatte die Webseite der Stiftung Equality Trust verlinkt, deren Initiatoren besagte Autoren sind. Das Buch ist bereits vor zwei Jahren erschienen, die Ergebnisse aber werden noch lange relevant sein. Wilkinson/Pickett, die laut eigener Aussage zusammen auf mehr als 50 Forscherjahre kommen, haben eine Vielzahl von internationalen Studien ausgewertet und geprüft, und ihre Kernaussage lautet: Es gibt keinen Zweifel daran, dass es vor allem die wachsende soziale Ungleichheit innerhalb eines Landes ist, die zu mehr gesellschaftlichen Problemen führt – zu mehr Ängsten, Stress, Depressionen, Gewalt, und also zu steigenden volkswirtschaftlichen Kosten, weil mehr Ärzte, Psychiater, Krankenhäuser, Gefängnisse etc nötig sind.

“Es steht außer Frage, dass mehr Gleichheit und Wohlergehen in der gesamten Bevölkerung der entscheidende Faktor für das Leistungsniveau einer Nation und ihre Errungenschaften in vielen Bereichen sind.”

Wilkinson und Pickett unterscheiden gleich zu Beginn zwischen reichen und armen Ländern und betrachten in der Folge nur reiche Nationen. Die Ausgangslage: In Japan und den skandinavischen Ländern besitzen die reichsten 20 Prozent knapp vier Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung. Das ist vorbildlich. Am unteren Ende der Skala stehen England, Portugal, die USA und Singapur. In diesen Gesellschaften verdienen die reichsten 20 Prozent zwischen 7 und 10 Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent; Deutschland liegt im Mittelfeld.

Insgesamt gesehen haben diese Gesellschaften einen noch nie zuvor erreichten Wohlstand erzielt. Trotzdem nehmen Ängste, Unsicherheiten, Drogenkonsum und Depressionen in der Bevölkerung zu. Das ist psychologisch begründet. Die wachsende Einkommensschere führt dazu, dass Menschen, deren sozialer Status im Vergleich zum Nachbarn, Bekannten oder Kollegen sinkt, ihr Selbstvertrauen verlieren. Wie wir von anderen gesehen und beurteilt werden, entscheidet maßgeblich darüber, wie wir uns selbst wahrnehmen. Ergo: Wer nicht mithalten kann beim Auto-, Klamotten-, Urlaubs-, Job oder Wohnungs-Wettrüsten, der schämt sich, erleidet Schmerzen, steht vermehrt unter Stress und reagiert aggressiv.

Und wo soziale Unterschiede entstanden sind, manifestieren sie sich. Denn je größer die Kluft zwischen den Armen und Reichen ist, desto größer ist das gegenseitige Misstrauen, “die Korrelation ist eindeutig”, so die Autoren. In den USA zum Beispiel, wo das soziale Gefälle sehr groß ist, gibt es auch große Unterschiede bei der Frage, ob die Bürger einander vertrauen. Während etwa in North Dakota das Vertrauen recht groß ist, glauben in Mississippi nur 17 Prozent der Einwohner daran, dem Nachbarn, Kollegen etc vertrauen zu können. Wilkinson/Pickett fragen:

“Was mag es im Alltag bedeuten, in einem Land zu leben, in dem 90 Prozent der Menschen dem anderen nicht über den Weg trauen? Wie geht man in dieser Gesellschaft miteinander um – bei der Arbeit, auf der Straße, beim Einkaufen, in der Schule? … Vertrauen ist nicht nur wichtig für das Wohlergehen des Einzelnen, Vertrauen ist ebenso ein entscheidender Faktor für das Funktionieren der Zivilgesellschaft. Ein hohes Vertrauensniveau bedeutet, dass sich die Menschen sicher fühlen, sich weniger Sorgen um sich selbst machen und lieber einen kooperativen als einen konkurrierenden Umgang mit ihren Mitmenschen pflegen.”

Die weiteren Beispiele, die die Autoren aufführen, sind erdrückend, in jeder Hinsicht. Gesellschaften mit geringeren sozialen Unterschieden verbrauchen weniger CO2, spenden mehr Geld für arme Menschen, haben eine höhere Lebenserwartung, eine geringere Säuglingssterblichkeit, leiden weniger unter Fettleibigkeit, schneiden besser in der Schule ab, weisen eine geringere Geburtenrate unter Teenagern auf, begehen weniger Morde.

Müssen deswegen nun alle Menschen gleich sein? Sollte man den Sozialismus einführen, allen dasselbe Gehalt zahlen? Die Autoren sind zurückhaltend mit Empfehlungen. Sie weisen darauf hin, dass es verschiedene Wege gibt, soziale Ungleichheiten zu bekämpfen und jede Gesellschaft ihren eigenen finden muss. Von Revolutionen raten sie ab:

“Was wir brauchen, ist ein kontinuierlicher Fluss kleiner Veränderungen in einer konsistenten Richtung. Wir müssen also das Ziel im Auge behalten, damit nachhaltiger Wandel beginnen kann und langfristig Erfolg hat. Und unser Ziel ist: Die Gesellschaft sozialer machen. Revolutionäre Umwälzungen müssen wir vermeiden, die bringen nur Unsicherheit, verbreiten Angst und Schrecken und haben in der Geschichte allzu häufig zu katastrophalen Rückschlägen geführt. Unser Ziel muss es sein, den Mitmenschen mehr Sicherheit zu geben, ihnen die Ängste zu  nehmen, sie zu überzeugen, dass eine Gesellschaft mitmehr Gleichheit nicht nur Platz für sie hat, sondern ihnen auch ein erfülltes Leben ermöglicht…”

Der in der CDU umstrittene – und von der Mehrheit der Deutschen befürwortete – Mindestlohn könnte ein Baustein in diesem Prozess sein. Er könnte Menschen, deren Lohn kaum zum Leben reicht, ein Stück Sicherheit und Vertrauen zurückgeben – und davon würden nicht nur sie profitieren. Sondern alle.

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